Neue Westfälische
LANDESZEITUNG für die Lüneburger Heide
Lünepost
Textfassung:
Lüneburg. Kaum ein Lied ist so eng mit Lüneburg verbunden wie „Die schönste Stadt der Welt“. Seit mehr als 25 Jahren ist der Song der Band Top for Tea so etwas wie der Soundtrack der Stadt – zwischen Rathaus und Lambertiplatz, zwischen Schröderstraße und Stint, dort, „wo die Ilmenau Kurs auf die Elbe nimmt“, wie es im Text heißt.
Nun bekommt diese Liebeserklärung ein neues Gewand: Erstmals wurde das Stück mit einem klassischen Orchester eingespielt – über 40 Spuren, 20 Streicher, zehn Bläser, dazu das, was ein Orchester sonst noch an Klangfarben bereithält. Arrangiert hat die sinfonische Fassung der tschechische Musiker Tomáš Küfhaber, vermittelt vom Lüneburger Dirigenten Alexander Eissele, der mit Formaten wie der Weihnachtsgala im Libeskind-Auditorium regelmäßig große Klangkörper dirigiert. Das Projekt, sagt Sänger Mirko Heil-von Limburg, Jahrgang 1975, „gärte“ fast ein Jahrzehnt in ihm. „Ich hatte immer diese Mischung aus Band und Orchester im Kopf – und dachte: Das wäre total cool für unser Lüneburg-Lied.“
Dabei war der Song ursprünglich ein Zufallsprodukt. 2000 erschien er als „Plus-Lied“ auf einer EP für den Lüneburger SK – drei Fußballtitel, ein Nachzügler. „Eigentlich ging es um den LSK“, erzählt Heil-von Limburg. „Und weil ein Song zu wenig für eine CD war, haben wir noch zwei weitere aufgenommen. Das Lüneburg-Lied war am Ende einfach die B-Seite.“ Der Text stammt ausgerechnet von einem Gütersloher, Matthias Borner, der bei der LSK-CD mitgewirkt hatte. Die Komposition lieferte Top for Tea, 1997 gegründet, damals vor allem als Coverband von Westernhagen bis Bon Jovi unterwegs. Doch ausgerechnet die B-Seite wurde zum Hit. „Ich bin ein Lüneburger und deshalb weiß ich ganz genau, die schönste Stadt der Welt liegt an der Ilmenau“, heißt es im Refrain – eine Zeile, die längst in das kollektive Gedächtnis eingesickert ist.
Das Lied besingt keine Postkartenmotive, keine Heide-Romantik, sondern das Lebensgefühl: einen Abend am Stint, wenn sich die Sterne im Wasser spiegeln, das Schlendern durch die Schröderstraße, das Gefühl, hier zu Hause zu sein. Es geht nicht um Architektur oder Klischees: Es geht darum, dass die Menschen sich hier wohlfühlen.
Das Lied lief (und läuft immer noch) bei Stadtfesten und Sülfmeistertagen, Spätestens dann, wenn in der LKH-Arena das letzte Volleyballspiel abgepfiffen ist und SVG-DJ Christian Schulze es auflegt, stehen viele nicht mehr nur als Zuschauer da, sondern als Chor. Und "Die schönste Stadt der Welt" gewann 2004 einen NDR-Wettbewerb als beliebteste Warteschleifenmelodie – und ist bis heute in der Telefonanlage des Rathauses zu hören.
Andere Bands haben Lüneburg ebenfalls vertont, von „Naomi Sample & The Go Go Ghosts“ bis „The Mainstream“. Doch keine musikalische Liebeserklärung entwickelte eine vergleichbare Strahlkraft. Vielleicht auch, weil „Die schönste Stadt der Welt“ nie auf Vermarktung zielte. Früh entschieden die Urheber, das Stück zum Gemeingut zu machen: Jeder darf es spielen, jeder nutzen. „Wir haben gesagt: Das soll für die Lüneburger sein“, so Heil-von Limburg. „Wir wollten damit nicht reich werden.“ Millionen Kopien dürften inzwischen auf Rechnern und Smartphones kursieren, ohne dass je nennenswerte Einnahmen flossen.
Ganz schutzlos ist das Lied dennoch nicht. Es ist bei der GEMA registriert – aus gutem Grund. Als die AfD den Song vor einigen Jahren für ein Wahlvideo nutzte, konnte Heil-von Limburg die Verwendung innerhalb von 24 Stunden stoppen. „Dafür allein lohnt sich der Schutz“, sagt er.
Die orchestrale Version entstand schließlich bei den Proben zur Weihnachtsgala mit Alexander Eissele im Audimax im Dezember 2025. Zwei Durchläufe reichten, um das Werk aufzunehmen. „Die haben das quasi vom Blatt gespielt“, erzählt Heil-von Limburg. Danach begann Feinarbeit am Computer: schneiden, mischen, balancieren. Der Gesang wurde in der Musikschule Lüneburg neu eingesungen, unterstützt von Weggefährten wie Wilko Ulrichs, Kerstin Viehweger, Olaf Senkbeil und Ben Boles. „Der Song ist der gleiche“, sagt Heil-von Limburg, „aber er hat eine ganz andere Ausstrahlung.“
Und wie fühlt es sich an, das eigene Lied nach 25 Jahren noch einmal zu singen? „Es war lustig“, gibt er zu. „Ich habe mich mehr auf das Gesamtwerk konzentriert als auf meine eigene Stimme.“ Hauptberuflich ist er Meister für Veranstaltungstechnik, Geschäftsführer der Lüneburger Firma „Amphire“. Musik solle für ihn Hobby bleiben, nicht Zwang. „Wenn Musik Pflicht wird, verliert sie ihre Freude.“
Eine Veröffentlichung ist geplant – digital auf den gängigen Plattformen, aber auch als CD. Ein Anachronismus? Vielleicht. Doch für Heil-von Limburg ist ein Tonträger mehr als Nostalgie. „Wenn man so etwas verschenken will, als Erinnerung an die Stadt, dann ist es schön, etwas in der Hand zu haben – mit Booklet, mit Bildern, mit einer kleinen Geschichte dazu.“
Top for Tea verabschiedeten sich 2008 im Vamos von der Bühne. Geblieben ist ihr größter Song. Und wenn sich künftig Streicher und Bläser unter die vertrauten Akkorde legen, könnte Lüneburg seine inoffizielle Hymne noch einmal neu entdecken – nicht lauter, aber größer.
LANDESZEITUNG für die Lüneburger Heide
Elena Gulli
Kulturredaktion
Erschienen am 24.02.2026